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23 Juni 2026 von kkraus

„Zwischen uns Arbeit“ reist nach Deutschland: Filmpremiere in Göttingen 

Der im Rahmen des Projekts „Caring Communities for Future – OIS Impact Labs“ entstandene Film „Zwischen uns Arbeit“ wurde beim 18th German International Ethnographic Film Festival in Göttingen präsentiert. In diesem Gastbeitrag berichten die beiden Filmemacherinnen von ihren Eindrücken vor Ort.

Wie lassen sich die Herausforderungen und Potenziale von Care-Arbeit sichtbar machen? Dieser Frage widmet sich der Film Zwischen uns Arbeit, der im Rahmen einer Kooperation zwischen dem LBG Open Innovation in Science Center und dem Vienna Visual Anthropology Lab (Universität Wien) als Begleitforschung zum Projekt Caring Communities for Future OIS Impact Lab entstanden ist.

Gastbeitrag von Elaine Goldberg und Helen Vaaks 

„Der Film schafft es, strukturelle Herausforderung mit persönlichen Geschichten zu verweben“ — so ein Teil des Statements der Kurator:innen des Festivals, das uns nach dem Screening des Films beim Q&A vorgelesen wird. Es ist das größte Publikum, vor dem wir den Film bisher präsentiert haben. Der große Festsaal der ‚Alten Mensa‘ der Georg-August-Universität Göttingen ist voll und unsere Knie weich. Es sind Filmemachende und Studierende aus der ganzen Welt da, um fünf Tage zusammen ethnographische Filme zu sehen und zu diskutieren. Direkt nach unserem Q&A fängt uns eine Gruppe von Studierenden aus Bremen ab, um ein Interview mit uns zu führen. Unsere Namen stehen bereits auf ihren vorbereiteten, ausgedruckten Fragebögen. Wir sprechen eine Stunde lang mit ihnen über Care-Arbeit, über das Filmemachen, über Feminismus. Auch in den nächsten Tagen sprechen uns immer wieder Besucher*innen an: er sei aus Rumänien, deshalb habe ihn der Film sehr getroffen und er kenne viele Familien in seinem Umkreis, in denen Frauen 24h Betreuung in Österreich leisten; sie habe Freundinnen, die in der Pflege in Deutschland arbeiten – ob wir etwas über die Situation dort wüssten; und immer wieder hören wir: Wo habt ihr den Film sonst noch gezeigt? Es wäre doch wichtig, diesen Film bei politischen Veranstaltungen zu zeigen. Immer wieder merken wir: es ist ein Thema, das alle betrifft. Es ist ein emotionales Thema. Es ist ein Thema, bei dem sich alle mehr Sichtbarkeit, mehr Diskussion, mehr Austausch, mehr Veränderung wünschen. 

Als wir am Mittwoch, den 13. Mai, nach einer 10-Stündigen Zugfahrt aus Wien Göttingen erreichen, liegt ein feuchter Nebelschleier über der Stadt. Regen wird uns die nächsten Tage begleiten. Auch in unserem Film steht er metaphorisch für die Verzweiflung, die sich im Fürsorge-Sektor breit macht. Doch das Wetter in Niedersachen ändert sich schnell – immer wieder kommt kurz die Sonne hervor. Auch das zeigen wir im Film: Es gibt Menschen, die fürsorgende Gemeinschaften bilden. Es gibt Projekte, wie die drei, die wir begleitet haben, zur Einbindung von 24-Stunden-Betreuer:innen in Pflegenetzwerke, zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, zur Lebensqualität von betreuenden und pflegenden Angehörigen, die es anders machen wollen. Hier wird sich nicht alleine gelassen. Netzwerke, Verbindungen, Gemeinschaften werden gebildet. Genau das, was es braucht, um ein nachhaltiges Fürsorge-System zu entwickeln und auch genau das, was das Open Innovation in Science Center leistet: partizipative Forschung zum Leben der Menschen unterstützen; zusammenkommen, um gemeinsam umzudenken; kreative Formate nutzen; transdisziplinär arbeiten. Auch ethnographische Filmfestivals können solche Orte sein, denn hier kommt Forschung aus verschiedenen Disziplinen zusammen und es werden gemeinsam Themen verhandelt, die uns als Gesellschaft beschäftigen. Kolonialität war in Göttingen dieses Jahr der Schwerpunkt. 

Anthropologischer Film hat eine schwierige Vergangenheit. Die Stadt Göttingen auch. Weiße Filmemacher:innen aus Europa reisten in den sogenannten ‚Globalen Süden‘, um andere Kulturen zu studieren und um dann mit ihren Filmen zurückzukehren. Hier wurden sie schließlich auf Festivals gezeigt, der/die Autor:in gewann Preise damit, wurde bekannt, schöpfte Kapital. Es waren koloniale Projekte. Heute werden in der Anthropologie postkoloniale Zugänge gelehrt: Filmemachen nicht über, sondern mit und als Teil von Kulturen. Filmemachen als Kollaboration auf Augenhöhe. Aber die Vergangenheit ist Teil von dem, wer wir heute sind. In Göttingen ist diese sehr präsent. Das Filmfestival organisierte eine dekoloniale Stadttour durch Göttingen, bei der wir koloniale Denkmäler und Institute sahen, Ausbildungsstätten für weiße Frauen, um in den Früheren Deutschen Kolonien Bäuerinnen zu werden, bzw. eigentlich Ehefrauen der Kolonialherren. Neben dieser Stadttour organisiert das Festival Workshops und Diskussionsrunden zum Thema Kolonialität. Das wissenschaftliche Filmemachen, die Stadt, unsere Existenz, unsere Privilegien als Forschende, sie alle haben eine koloniale Vergangenheit und Gegenwart. Wir führen endlose Diskussionen über das Reisen, die Geste des Fotografierens, die Möglichkeiten von Teilhabe. Es gibt jedoch keine Lösung: Es ist, wie Donna Haraway formuliert, ein „staying with the trouble“. Sichtbarmachung, Thematisierung und Reflexion sind unsere aktuellen Möglichkeiten. 

So verlassen wir das Festival nach fünf Tagen voller Filme und Diskussionen mit vielen neuen Bekanntschaften und vielen Gedanken. Wir sahen Filme über kulturelles Gedächtnis und Erinnerung, über Gemeinschaften und Isolation, Nähe und Ferne, politische Ignoranz und Aufarbeitung. Für uns ist klar, dass wir bei uns selbst anfangen wollen und deshalb Filme über soziale Herausforderungen in unserer Gesellschaft machen. Wir sind sehr dankbar für die Tage in Göttingen. Bei der Preisverleihung am letzten Tag fließen allerseits Tränen: Es ist das letzte Festival, das die Gründerin und Legende der visuellen Anthropologie Beate Engelbrecht mitorganisiert hat. Übernächstes Jahr wird das Festival im Ethnographischen Museum in Berlin stattfinden. Ein emotionales Ende für ein emotionales Festival und einen emotionalen Film. Mit den Studierenden aus Bremen sind wir im Interview zu dem Schluss gekommen: Emotionalität steht nicht außerhalb von Wissenschaftlichkeit, sondern ist Teil von Forschung.

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