13 Mar 2026 by kkraus

Partizipation wächst nicht von selbst: Diskussionen auf der 10. Berliner Werkstatt Partizipative Forschung

Wie kann Partizipation in der Forschung mehr sein als ein methodisches Schlagwort? Diese Frage stand im Zentrum der 10. Berliner Werkstatt Partizipative Forschung, die am 6. März 2026 an der Alice Salomon Hochschule Berlin stattfand. Forschende aus Gesundheits-, Sozial- und angrenzenden Wissenschaften diskutierten dort unter dem Motto „Wachsende Partizipation“ aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Machtfragen partizipativer Forschung – und zeigten, warum echte Mitgestaltung strukturelle Veränderungen braucht.

Die Berliner Werkstatt Partizipative Forschung gilt als wichtige Plattform für den Austausch über partizipative Methoden in der Gesundheits- und Sozialforschung.  In Workshops, Projektwerkstätten und Diskussionsformaten wurden aktuelle Entwicklungen der partizipativen Forschungspraxis vorgestellt und kritisch reflektiert.

Dabei wurde deutlich: Partizipation ist kein methodisches Beiwerk, sondern ein epistemologisches und politisches Prinzip. Sie kann emanzipatorisch wirken, aber auch bestehende Machtverhältnisse stabilisieren – je nachdem, wer sie gestaltet, unter welchen Bedingungen sie stattfindet und welche Ziele verfolgt werden. Entsprechend wurde intensiv darüber diskutiert, wie partizipative Forschung gestaltet werden muss, damit unterschiedliche Wissensformen tatsächlich gleichwertig in den gesamten Forschungsprozess eingebracht werden können. Denn Erkenntnisgewinn entsteht auch durch Differenz.

So beleuchtete etwa die Projektwerkstatt „Echte Teilhabe an Entscheidungsprozessen durch inklusive Gesundheitsteams” konkret, wie Menschen mit Behinderungen in Gesundheitsförderungsprozesse eingebunden werden können – und welche strukturellen Barrieren dabei nach wie vor bestehen. Der Themenworkshop zum Aufbau eines lebensweltorientierten Bürgerbeirats in der Krebsprävention zeigte, wie wichtig es ist, die Lücke zwischen Wissen und Handeln – z.B. rauchen Menschen, obwohl die Schädlichkeit bekannt ist – durch partizipative Forschung zu verstehen statt zu verurteilen.

Das OIS Center war mit dem Poster „Vom Zugang zur Mitgestaltung: Personen mit Migrationsgeschichte als Co-Forscher:innen” vertreten. Im Mittelpunkt stand ein praxisorientierter Ansatz für die nachhaltige Einbindung von Personen mit Migrationsgeschichte als Co-Forscher:innen in gesundheitswissenschaftliche Projekte. Besonders hervorgehoben wurden strukturelle Barrieren wie Rassismus, institutionelle Ausschlüsse und koloniale Wissenshierarchien, die bestimmen, wessen Perspektiven in der Forschung als relevant gelten. Rassismuskritische Selbstreflexion innerhalb von Forschungsteams wurde als unverzichtbare Voraussetzung für echte Mitgestaltung benannt. Die Zusammenarbeit mit Brückenpersonen aus den (migrantischen) Communities erwies sich dabei als zentraler Schlüssel für Vertrauensaufbau und nachhaltige Beteiligung.

Die Diskussionen zeigten eindrücklich: Interventionen, die gemeinsam erarbeitet werden, werden besser angenommen und wirken nachhaltiger. Wenn vulnerable Personen nur zur Teilnahme motiviert werden, um Tokenismus zu betreiben, ist selbstbestimmtes Fernbleiben eine legitime und politisch bedeutsame Form von Widerstand.

Die Konferenz bestätigte: Partizipation wächst nicht von selbst – sie braucht strukturelle Verankerung, kritische Reflexion und den Mut, Machtverhältnisse offen zu benennen.