August 02, 2019

Du bist niemals zu jung, um zu forschen

Moderatorin Ruth Hutsteiner spricht mit Raphaela Kaisler – sie hat das Ausbildungsprogramm Science4Youth für Jungforschende ab 16 Jahren ins Leben gerufen – und Absolventin Ella Deitemyer worum es bei Science4Youth geht und warum es so wichtig ist, Jugendliche in die Forschung mit einzubeziehen.



Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Fragen zu dieser zweiten deutschsprachige Folge unseres LBG Podcasts! Warum bringen Sie diese nicht sogar mit zu uns ins Studio? Sie hätten Lust, auch einmal mit uns am Tisch zu sitzen? Schreiben Sie uns!

Ruth Hutsteiner
Ruth Hutsteiner

Erstmals haben sich zwei Gäste gleichzeitig zu unserer Moderatorin, Ruth Hutsteiner, gesellt. Außerdem korrigiert eine von den beiden den Altersdurchschnitt nach unten: Am Tisch sitzen Raphaela Kaisler – sie hat das Ausbildungsprogramm Science4Youth für Jungforschende ab 16 Jahren ins Leben gerufen – und Absolventin Ella Deitemyer.

Dr. Raphaela Kaisler

Wozu Jugendliche im Forschen trainieren?

Um Jugendlichen eine echte Chance dazu zu geben, ihre Stimme gleichwertig in die Gestaltung von Forschung einbringen zu können, muss man ihnen die Möglichkeit bieten, sich auf die Rolle vorzubereiten. Dasselbe gilt auch für andere Mitglieder der Öffentlichkeit ohne wissenschaftliche Ausbildung. Das zahlt sich für beide Seiten aus: „Wir können viel von den Jugendlichen lernen“, sagt Raphaela Kaisler.

Ella Deitemyer

Hauptberuflich Schülerin am Musikgymnasium

Wie kommt eine Schülerin des Wiener Musikgymnasiums dazu, in ihrer Freizeit bei Science4Youth mitzumachen? Durch ihren Geographielehrer erfuhr sie von dem Ausbildungsprogramm – welcher damit bei seiner Schülerin einen Nerv traf: Schon als Kind hat sie ihre eigenen Experimente gemacht und Beobachtungen notiert. Was es aber wirklich bedeutet, zu forschen – das wollte sie mit einem eigenen Projekt herausfinden.

Motivierte MentorInnen finden: kein Problem

Aus den Ludwig Boltzmann Instituten fanden sich schnell motivierte Forscherinnen und Forscher, die die Jugendlichen in dieser ersten Auflage von Science4Youth begleiten wollten. Sie arbeiten im Bereich Traumatologie, Menschenrechte oder an partizipativen Forschungsmethoden – kurzum einer bunten Mischung an Disziplinen.

Was kann man in zwei Semestern über Forschung lernen?

Das Training ist modular aufgebaut – den Großteil der theoretischen Grundlagen können die Jugendlichen über eine Plattform und Videos erwerben. Was ist Forschung eigentlich und wozu brauchen wir als Gesellschaft sie? Antworten auf diese grundlegenden Fragen gibt es ebenso, wie auch innovative Ansätze eingeführt werden, wie Forschung neu gestaltet werden kann.

Im zweiten Teil rüsten sich die Jungforschenden für ihr eigenes Projekt aus: Wie stelle ich eine Forschungsfrage – und welche Methoden stehen mir zur Verfügung, diese zu beantworten? Das Thema suchen sie sich selbst – ihre MentorInnen begleiten sie wiederum dabei, dieses in eine konkrete Forschungsfrage zu gießen. Dann generieren die Jugendlichen ihre eigene Evidenz und erleben zum Abschluss noch Forschungsalltag hautnah: in einer von zwei LBG Forschungsgruppen zu psychischer Gesundheit.

Eine frische Herangehensweise – gute Impulse für die Forschung?

Science4Youth ist keine Einbahnstraße: Es geht ganz klar darum, gegenseitig voneinander zu lernen. Die Forschenden teilen ihre Erfahrung – die Jugendlichen ihre „sehr inspirierende, positive Einstellung“ gegenüber einem neuen Forschungsprojekt. Sie sähen nicht gleich, „wen man nicht erreichen kann mit der Studie oder was man nicht erheben kann“, sondern blieben erstmal ganz ergebnisoffen, erzählt Raphaela Kaisler.

Ellas Forschungsprojekt

Im ersten Brainstorming seien zig Themen zusammengekommen, die sie interessierten, berichtet Ella. Dabei in dieser Fülle den Fokus zu setzen, hätten ihr auch die „In-Class-Meetings“ geholfen – also die persönlichen Treffen. Ella hat schließlich eine Forschungsfrage ausgearbeitet, die ihr in ihrem Alltag sehr nahe ist: Wie beeinflussen Wettbewerbe die psychische Gesundheit der jungen Musikerinnen und Musiker?

Um eine Antwort darauf zu finden, entschied sich die Schülerin für einen Online-Fragebogen, der sich an ihre Mitschülerinnen und Mitschüler richtete. Sie erzählt, sie habe mit ihrer Forschungsarbeit bei den anderen einen Nerv getroffen – ihre ansehnliche Stichprobe spricht dafür. Dazu kam ein Interview mit einer Berufsmusikerin, die ebenfalls das Gymnasium besucht hatte.

Was Ellas Daten über Lampenfieber verraten

Je mehr Daten die Jugendlichen sammeln können, desto mehr gibt es zum Auswerten. Die Gymnasiastin stellt in ihrem Abschlussbericht dar, wie denn nun das Verhältnis ihrer MitschülerInnen zu den musikalischen Leistungsanforderungen aussieht. Aber hören Sie!

Ein Tandem aus Forschenden und Jugendlichen

Die Tandems aus erfahrenen Forschenden und Jugendlichen wurden zunächst ausgelost. In Ellas Fall kam dabei ein nicht so nachhaltiges Pairing heraus – der Kollege ging alsbald in Elternkarenz. Gut aufgehoben habe sie sich trotzdem gefühlt, erzählt die Schülerin. Statt ein „nein das geht nicht, nein das ist unrealistisch“ zu hören zu bekommen, hätten sie gemeinsam abgewandelt und angepasst.  

Absolventinnen auf europäischer Bühne

Am 14 Juni diesen Jahres wurde erstmals auch die besten Projekte mit dem „Science4Youth-Award“ gekürt. Die beiden Gewinnerinnen werden zur European Researchers Night nach Hamburg reisen – das ist eine EU-Initiative, bei der Forschende ihre Arbeit öffentlich vorstellen. Mitten unter ihnen werden die zwei Jungforschenden sein. Noch ausgezeichneter als die anderen Projekte waren laut der Jury zwei zu Stressbewältigung bei Jugendlichen: durch Bewegung beziehungsweise Tabak- und Cannabis-Konsum.

Ein Resumé aus zwei Blickwinkeln

Sich über ein Jahr mit nur einem Thema befassen – das sei doch nochmal etwas anderes, als sich auf eine Schularbeit vorzubereiten, so Ella. Sie habe sich dafür von der Motivation des Science4Youth-Teams anstecken lassen. Für Raphaela Kaisler war die Herausforderung zunächst: die Lerninhalte für 16-Jährige aufzubereiten, statt für Erwachsende oder Studierende. Ob sie dann auch noch ihre Stichprobe zusammen bekämen? Und mit der Datenverarbeitung zurechtkämen? „Das haben sie wirklich hervorragend gemacht“, zieht sie ihr Resumé.

Besonders Spaß gemacht habe es der Organisatorin, gemeinsam mit den Jungforschenden aus deren anfänglich breitem Interesse das konkrete, umsetzbare Forschungsvorhaben herauszuschälen. Dabei sei es dem Team wichtig gewesen, zu fragen: „Ist es immer noch ihr Projekt, ihre Idee?“

Was braucht es, um ein Forschungsprojekt zu starten

Eine Lerneinheit pro Monat plus drei persönliche Treffen: Ist das die Formel zum ersten, eigenen Forschungsprojekt? Eine relativ kurze gemeinsame Zeit war das – umso mehr war das Team positiv von den entstandenen Projekten überrascht.

Eine einmalige Zusammenarbeit?

Mitgemacht hatten ursprünglich 19 Jugendliche, von denen 11 abgeschlossen haben – und es soll eine weitere Runde geben! Die Alumni der ersten sollen dabei möglichst selbst als MentorInnen mitwirken und im Projekt einen Co-Lead übernehmen.

Die alles entscheidende Frage

Ella sagt, sie wisse nun konkreter, wie die Arbeit als Forscherin für sie aussehen könnte. Das ist für sie nach wie vor ein alternatives Zukunftsszenario zum professionellen Musizieren. Zu tun gibt es immerhin überall und immer etwas.

Gast: Ella Deitemyer und Raphaela Kaisler │ Moderation: Ruth Hutsteiner │ Konzept und Produktion: Marie Niederleithinger │ Projektleitung: Lucia Malfent, Raphaela Kaisler │ Musik: Kurt Stolle

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